Kindheitserinnerungen

Einleitung:

Ich war lange am überlegen, ob ich dies veröffentlichen soll. Mit diesem Artikel gebe ich doch sehr viel von mir in der Öffentlichkeit preis. Es sind nicht nur gute Erinnerungen und manche Menschen aus meiner Familie werden vielleicht mit diesem Bericht beleidigt. Es ist jedoch MEINE Geschichte, an der ich auch immer wieder zu knabbern habe und obwohl sie einzigartig ist, glaube ich, das es da draußen bestimmt noch mehr Söhne und Töchter gibt, die wahrscheinlich in manchen Punkten eine ähnliche Geschichte zu erzählen hätten. Es kann sein, das es in manchen Punkten nicht zu 100% dem tatsächlichen Geschehen entspricht, so habe ich es jedoch erlebt bzw erzählt bekommen.

Ich höre immer wieder von Gleichaltrigen: Früher war alles besser! War es das wirklich? Es war anders, es war unsere Kindheit. Unsere Träume, unsere Erlebnisse. Auch damals schon haben die Alten gemotzt und gemosert, das früher alles besser war, genauso wie die Generation davor… Wir sind nicht besser als unsere Eltern und Großeltern, auch wenn wir meinen, wir seien so viel gescheiter, als alle vor uns…

Meine kleine Geschichte:

Meine Mutter kam aus einem traditionell, katholischen Städtchen im Westallgäu, mein Vater aus einem größtenteils evangelischen Städtchen am Bodensee. Und genauso waren auch ihre religiösen Ausrichtungen, jedenfalls auf der Mitgliedsurkunde der jeweiligen Kirche. In den wilden 70er spielte Religiosität jedoch keine Rolle mehr. Alles an was Eltern und Großeltern geglaubt hatten wurde über Bord geworfen. Freie Liebe, freier Sex, Drogen.

Dennoch entschieden sie sich dafür, mich zu bekommen und heirateten ein Jahr später sogar. Mein Vater 21, meine Mutter 28. Ein Aufschrei ging durch die katholische Verwandtschaft meiner Mutter. Um Himmels Willen! Man kann doch keinen Evangelischen heiraten!!! Alles in allem waren sie mit meinem Vater nie einverstanden, mussten sich aber wohl oder übel mit ihm arrangieren. Die Mutter von meinem Vater war wohl aber auch nicht sonderlich begeistert, sie war (ob zum damaligen Zeitpunkt auch noch, weiß ich nicht) Messmerin (heißt das so?) in in einer kleinen evangelischen Kirche. Wohl aber war der Kontakt nicht gut und sie wurde nicht zur Hochzeit eingeladen. Die Hochzeit fand logischerweise „nur“ standesamtlich statt.

Kurz darauf kam mein Bruder zur Welt. Ein paar Jahre später ein weiterer Bruder. Dann war es soweit, meine Eltern wollten sich scheiden lassen. Aus gutem Grund, die Ehe war immer schon sehr explosiv. Es würde bei uns zu Hause immer viel gestritten und einem Beleidigungen an den Kopf geworfen. Dann aber bekamen meine Eltern wieder Kontakt zu einem befreundeten Pärchen, die sich dazu entschieden haben, so zu leben wie die Bibel es sagt. Sie begannen meinen Eltern zu erzählen, dass Jesus sie unglaublich lieb hat und nicht möchte, das sie sich scheiden lassen. Zuerst entschied sich meine Mutter für den Weg, dann mein Vater. Kurz darauf führten sie die Erwachsenen Taufe durch. Freie Christen glauben nicht an die Kindertaufe, da ein Kind sich ja noch nicht selbst frei entscheiden kann: Für Gott oder gegen Gott. Kinder sind rein und unschuldig und kommen dadurch selbstverständlich in den Himmel, wenn sie vorzeitig die Erde verlassen müssen. Das lehren die Kirchen anders: Ein Mensch, egal welchen Alters kommt nur in Himmel, wenn es getauft ist.

Naja, auf alle Fälle entschieden sich dann meine Eltern bekennende Christen zu sein und besuchten dann regelmäßig eine Freie christliche Gemeinde, die sie glaub im laufe der Zeit mal wechselten, aber das nur so nebenbei. Für die Familie begann die beste Zeit ihres Lebens! Alles war super. Die Eltern verstanden sich prima, der Familiezusammenhalt war phänomenal. Alles war Friede, Freude und heiter Sonnenschein. Und ein weiterer Bruder kam, der letzte wohlgemerkt. Also hatte ich drei Brüder. Schön!

Wir wohnten in einer ziemlich alten Wohnung in einer Gemeinde im Westallgäu, direkt an der Hauptstraße. Für uns Kinder kein Problem, für meine Eltern anscheinend auch nicht. Wir sind stundenlang alleine draußen herumgestromert und das einzige, was mal passiert ist, ist das man von einem Baum runter fiel. Ist jedoch glaub nie was ernsthaftes passiert, kann mich mal an nichts erinnern. Mein Vater begann dazumal die Ausbildung zum examinierten Altenpfleger, das wollte er wohl schon immer machen und er bekam Förderungen vom Land. Finanziell ging es uns in der Zeit nicht schlecht (was meine Mutter erzählt hat, ich kann mich daran nicht erinnern). Wir sind jedes Jahr in Urlaub gefahren, der wurde gezahlt. Wir hatten alle genügend zu Essen und zu Trinken und ein VW Bus, wenn auch ein älterer, wurde gekauft.

Irgendwann wollten meine Eltern dann ein Haus kaufen und haben lange gesucht. Trotz des eigentlich guten Verdienstes eines Altenpflegers schienen einem die Häuser im Westallgäu unerschwinglich für einen Normalbürger, der im Hintergrund keine Familie mit Geld hatte. Ist übrigens heute noch so… Ohne Erbschaften oder reiche Eltern ist es fast unmöglich für einen Ottonormalverbraucher sich in dieser Gegend ein Eigenheim zu erwerben. Funktioniert nur, wenn beide Elternteile ihr restliches Leben noch voll reinbuckeln und sich zu Sklaven der Wirtschaft machen, ohne Rücksicht auf die Kinder. Die dann selbstverständlich nicht mehr viel von den Eltern haben…

Tja, dann fanden meine Eltern ein Haus und das war der Anfang vom Ende für unsere Familie. Zuerst wollte die Hausbank keinen Kredit vergeben, weil sie ganz genau gecheckt haben, dass dies für meine Eltern der finanzielle Ruin wäre. Also haben sie sich auf die dubiose Hypobank eingelassen, die meinen Vater (so wurde es mir erzählt) dazu gebracht haben, einen Wisch (Zettel) zu bringen, der die Erwerbstätigkeit meiner Mutter bestätigt. Das war der erste große Fehler. Eine alte Freundin wurde hinzugezogen, die wohl ohne große Gewissensbisse sowas ausstellte, ohne das meine Mutter je einen Tag bei ihr gearbeitet hat, und der Kredit wurde genehmigt.

Die Tortur begann. Es war ein sehr altes Haus. Es musste erst einmal renoviert werden. Mein Vater war sehr lange, neben Familie und Job, daran, das Haus einigermaßen bezugsreif zu bekommen. Als wir dann eingezogen waren, folgten trotzdem noch über 10 Jahre kontinuierliche Renovierungsarbeiten. Es war ein großes Haus. 300qm Wohnfläche, nachdem alles ausgebaut war. Natürlich geht dann auch schon wieder das erste kaputt, wenn man dann fertig ist und es zog einen Rattenschwanz hinter sich her. Mein Vater arbeitete Vollzeit in der Pflege, Schichtdienst. Daneben die vier Kinder, die meine Mutter natürlich nicht alleine großziehen wollte und das Haus, die ständige Baustelle…

Zudem entschied sich meine Mutter kurz vor dem Umzug die christliche Gemeinschaft zu verlassen, aus eigentlich guten Gründen, weil sie ihrer Meinung nach, in vielen Punkten, nicht biblisch handelten. Sie erklärte uns auch alles, aber trotzdem waren wir (ganz besonders ich) total enttäuscht. Mit einem Schlag waren fast alle Freunde weg und es fehlte einfach was. Außerdem befand sich dort meine erste große Liebe… Mein Herz zerbrach fast, aber ich traute mich als 12 Jährige nicht, da drüber was zu erzählen, weil ich dachte, ich wäre noch zu klein dafür. Tjaja… Die Zeit tickte anders.

Allerdings, so nebenbei gesagt… wusste ich dazumal schon sehr genau was Pornos sind und „wie man es macht“, auch ganz ohne Internet. Es gab da in dem Ort, wo wir wohnten einen großen, freien Müllplatz, auf dem ein paar Mal im Jahr riesige Container voll mit Papiermüll standen. Wir Kinder hatten natürlich nichts besseres zu tun, als da hinein zu klettern und herumzuwühlen. Tja, und da fand ich meinen ersten richtigen Porno. Kein harmloses Erotikzeugs. Richtig harte und ekelhafte Kost, mit menschlichen Exkrementen… Nicht leicht zu verdauen für ein Mädel das noch nicht mal 10 Jahre als war. Auch das hab ich nie meinen Eltern erzählt… Wir durften noch nicht mal die Bravo kaufen. Damit kam ich dann im „Aufklärungsunterricht“ in Berührung. Wenn meine Mutter gewusst hätte, das dies für mich schon nicht mehr interessant war und ich schon mehr wusste, als ich eigentlich in dem Alter schon wissen sollte… Tja… Aber das nur nebenbei…

Wendung

Mein Vater packte es wohl nicht mehr und griff wieder vermehrt zur Alkoholflasche. Laut meiner Mutter war das in seiner Jugend schon so. Dazu kamen diverse Drogen, wie wir später erfahren haben. Die Ehe meiner Eltern ging den Bach runter. Erst ständiges Streiten, dann sogar versuchte Schläge gegen meine Mutter und zu guter letzt getrennte Schlafzimmer. Mein Vater kam oft erst spätnachts nach Hause und dann rotzedicht (sehr betrunken) und laut. Außerdem verließ er nach und nach den christlichen Glauben. Für uns Kinder ein Talfahrt. War es doch unser Vater, der uns immer stundenlang „vollgepredigt“ hatte und gelehrt hatte, wie wichtig es sei, nach Gottes Willen zu leben. Ein Schock! Ich war zum damaligen Zeitpunkt schon älter und hatte demzufolge meinen eigenen Weg mit Gott schon gefunden, mein zweiter Bruder ebenso. Wir waren auch gut in einer Jugendgruppe in einer christlichen Gemeinde integriert und hatten dort viele gute Freunde. Bei meinen zwei jüngeren Brüdern sah das anders aus. Sie hatten niemand im Rücken. Sie sahen nur den Abfall des Vaters und trennten sich nach und nach, schleichend, auch offensichtlich vom christlichen Glauben. Leider folgten sie dem Beispiel des Vaters und suchten ihr Glück in Alkohol und Drogen. Bis heute… Das ist wohl auch das Einzige, was sie bis heute mit ihrem Vater verbindet. Wir zwei Älteren haben seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm, während die zwei Jüngeren sich immer mal wieder mit ihm treffen. Inzwischen hat er wohl die zweite Freundin nach unserer Mutter. Er leidet seit damals als starken Depressionen, ist bedingt arbeitsunfähig, ist in der Privatinsolvenz (Haus), hat seine Frau verloren und seine zwei Ältesten Kinder. Also… Nicht unbedingt ein erstrebenswertes Ziel für das Leben…  Ein ganze Zeit später erfuhren wir noch, das er schon länger seinen Job verloren hatte, weil er sich wohl am Medikamentenschrank vergriffen hatte.

Bei uns zu Hause wurde das Haus und die Renovierungsarbeiten durch Vaters Gehalt gezahlt und Essen und Kleidung vom Kindergeld. So kam man über die Runden. Meine Mutter hatte klugerweise gegen Ende der Ehe ein eigenes Konto eröffnet, wo das Kindergeld drauf ging, sonst hätte dies mein Vater wohl auch noch verjubelt. Sie machte jedoch den entscheidenden Fehler und übernahm nach dem Auszug meines Vaters, das gemeinsame Konto und stellte mit Schrecken fest, das dies vollkommen überzogen war. Sie brauchte Monate und einen strikten Sparplan um das Konto wieder zu decken. Zudem kamen die monatlichen Raten für das Haus. Mein Vater zog sich sauber aus der Affaire und zahlte nicht mal Unterhalt für meinen Jüngsten Bruder, der dazumal noch nicht Volljährig war. Meine Mutter wollte auf biegen und brechen das Haus halten und trotz Vollzeitjob konnte sie es nicht, sie rutschte auch in die Privatinsolvenz. Sie hatte ja blöderweise den Kaufvertrag mit unterschrieben. Unsere Heimat zerbrach vollständig und wir Kinder wurden in alle Winde verteilt.

Trotzdem war die Zeit in diesem Dorf wunderschön! Wir Kinder durften machen was wir wollten. Waren den ganzen Tag draußen. Hatten Freiheit pur. Das einzige was störte war der tägliche Besuch der Schule. Die hätte man wegen mir ruhig abschaffen können. Wenn ich nicht draußen war, verkroch ich mich in mein Zimmer und las stundenlang, ja nächtelang diverse Romane. Von Liebesromanen bis Science Fiction. Alles was ich unter die Finger bekam, wurde gelesen.


Gegen Ende der Ära Ehe meiner Eltern war ich fast Volljährig. Zum Glück, oder auch nicht. Je nachdem, wie man es sieht. Ich stand auf eigenen Beinen. Zog zum ersten Mal aus und war froh, meine Freiheit zu haben. Naja… Bis ich kapierte, das man nie wirklich frei ist. Das Leben besteht aus buckeln bis zum abwinken, damit man sich Wohnung, Auto, Essen und ab und zu etwas Vergnügen leisten kann und trotzdem ist das Geld immer weg… Ich begann die Welt „da draußen“ zu genießen und ja, es war eine schöne Zeit. Hatte viele „Freunde“. Hatte nur noch ein paar Freundinnen, die mit mir den christlichen Glauben gemeinsam hatten. Eine hat mir ab und zu ins Gewissen geredet. Dazumal war ich in der Metal Szene unterwegs und wer sich die Texte von diesen „Liedern“ mal genau anhört, beziehungsweise ins deutsche übersetzt wird ziemlich schnell darauf kommen, das es da überhaupt nicht um Gott geht, eher das komplette Gegenteil, seinem Gegenspieler, Satan… Nun ja, aber ich liebte diese Musik! Zum Glück lernte ich dann über diverse christliche Chats im Internet ein paar Leute kennen, die mir verklickerten, das es auch eine christliche Metal Szene gab und haben mich langsam an die Materie herangeführt. Zuerst fand ich die Musik nicht vergleichbar,eher schlecht, aber nach und nach fand ich immer mehr Bands, die meinem Geschmack das Wasser reichen konnten und begann mich, auf diese Bands zu konzentrieren und so kam ich auch wieder vermehrt in christliche Kreise.

Obwohl ich in dieser Zeit „einiges“ ausprobiert hatte (wahrscheinlich weniger, als so manch anderer), ein paar mal gekifft, sehr oft Alkohol getrunken, ein paar Autos geschrottet (nicht wegen Alkohol), hab ich in dieser Zeit nie mit einem Mann geschlafen, geschweige denn einen Mann geküsst. Da war immer so ein kleines Männchen in meinem Kopf, das mir gesagt hat, lass die Finger davon! In diesem Punkt hat das kleine Männchen also funktioniert… Mein Mann war der Erste, den ich geküsst habe und mit dem ich dann logischerweise auch geschlafen hab und es auch immer noch tu… 😉

Aber bis ich kapiert hab, das es wirklich nur diesen EINEN WEG im Leben gibt, nämlich Jesus Christus, dauerte es trotzdem noch ein paar Jahre. Leider hat mein Vater diesen Weg verlassen, was dazu führte, wie es jetzt ist. Ich bete öfter mal für ihn. Nicht so oft, wie ich wahrscheinlich sollte, das er den rechten Weg wieder findet. Nur Gott kann Süchte, Depressionen (psychische Erkrankungen) und kaputte Ehen wieder heilen, dauerhaft.

Nun gut… Aber dies vielleicht ein anderes mal. Der Bericht ist schon lange genug und eigentlich ist er nun ganz anders ausgefallen, als ich erst vor hatte.

Nur bei einem bin ich mir sicher. Ich möchte nie so viel Schulden machen, das ich nicht weiß, wie ich es abzahlen kann, ohne meine Familie zu vernachlässigen. Leider ist das hier nicht möglich. Wenn sich eine Familie hier ein Eigenheim kauft, sind beide dazu verdonnert ihr Leben lang zu arbeiten zu gehn. Die meisten können ihr Eigenheim gar nicht richtig genießen, da sie die meiste Zeit nur beim arbeiten sind. Ein nicht sehr erstrebenswertes Ziel, wie ich finde…

 

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