Wann ist Leben lebenswert?

„Was einen Wert hat, hat auch einen Preis.
Der Mensch aber hat keinen Wert, er hat Würde.“

Immanuel Kant

Und schon wieder ein Artikel über ein großes, schweres, polarisierendes Thema. Das scheint wohl meine Spezialität zu sein…

Nach meinem letzten Post über Abtreibung gingen meine Gedanken auf Wanderschaft.

„Wenn man Babies wegwirft wie Müll, weil sie gerade „ungelegen“ sind, oder weil sie eine Behinderung wie das Down Syndrom aufweisen…

…dann kann man in weiterer Folge bei Sterbehilfe/Euthanasie landen.

Welches Leben ist denn nun lebenswert?

Schwierig, da eine Grenze zu ziehen.

Und wer würde diese Grenze überhaupt ziehen?

Wer bestimmt, welches Leben lebenswert ist und welches nicht? Wer spielt Gott?

Ein Algorithmus,der alle Faktoren mit einbezieht?

Ärzte? Familie? Gerichte? Jeder selbst mit seinem Leben?“

 

Zum besseren Verständnis setzen wir uns erst mal mit den Begrifflichkeiten zu diesem Thema auseinander.

 

Arten der Sterbehilfe und Definition

Durch meine Ausbildung wusste ich schon vieles zu dem Thema, zusätzliche Infos habe ich mir auf dieser Seite über Sterbehilfe und bei Wikipedia geholt.

Man muss zwischen Palliativmedizin, passiver, indirekter sowie aktiver Sterbehilfe und assistiertem Suizid unterscheiden.

Palliativmedizin ist die Behandlung von Patienten, die eine Erkrankung ohne Aussicht auf Heilung haben. Es stehen die Lebensqualität des Patienten – sein subjektives Wohlbefinden, seine Wünsche und Ziele – im Vordergrund. Schmerzen und andere Symptome werden so gut wie möglich behandelt, psychologische und spirituelle Beratung werden angeboten.

Passive Sterbehilfe ist die Bezeichnung dafür, wenn lebenserhaltende/lebensverlängernde Maßnahmen reduziert, nicht weiter fortgeführt oder gar nicht erst ergriffen werden. Im Vordergrund steht dabei der Respekt vor der Würde des Menschen. Ein leidvolles Sterben soll nicht unnötig verlängert und das Sterben als natürlicher Prozess zugelassen werden. Das Selbstbestimmungsrecht des Patienten wird gewahrt, er kann Therapien durch mündliche und schriftliche Vereinbarungen (Patientenverfügung) ablehnen.

Unter passive Sterbehilfe fallen somit:

  • Verzicht auf oder Abbruch einer künstlichen Ernährung, Flüssigkeitszufuhr oder Medikamentengabe,
  • Verzicht auf oder Abbruch einer Beatmung oder Intubation,
  • Verzicht auf oder Abbruch einer Dialyse,
  • Verzicht auf eine Reanimation oder deren Abbruch vor Eintritt des Hirntodes.

Als indirekte Sterbehilfe bezeichnet man die Verbesserung der Lebensqualität des Patienten – also die Gabe von Medikamenten zur Linderung seiner Leiden – unter Inkaufnahme der Verkürzung seines Lebens. Sie ist in den meisten Ländern erlaubt.
Wenn ein Patient beispielsweise unter Atemnot, Angst oder Schmerzen leidet, kann ihm mit Betäubungs- und Beruhigungsmitteln gezielt geholfen werden. Benötigt man hohe Dosierungen zur Symptomlinderung, kann es zur Bewusstseinstrübung des Patienten und evtl. auch zum vorzeitigen Tod kommen. Diese Fälle sind in der Praxis jedoch sehr selten und werden meist nur theoretisch diskutiert.

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Aktive Sterbehilfe oder Tötung auf Verlangen ist das gezielte Herbeiführen des Todes aufgrund eines tatsächlichen oder mutmaßlichen Wunsches einer Person. Sie ist weltweit nur in Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und dem US-Bundesstaat Oregon erlaubt – in Belgien und den Niederlanden sogar für Kinder.
Aktive Sterbehilfe erfolgt in der Regel durch die Verabreichung einer Überdosis bestimmter Medikamente. Liegt keine Willensäußerung des Betroffenen vor und/oder lassen sich keine Anhaltspunkte für früher geäußerten Willen ermitteln, spricht man aber von Totschlag oder Mord.

Beim assistierten Suizid oder Beihilfe zur Selbsttötung stellt eine andere Person dem Betroffenen ein Mittel zur Selbsttötung bereit. Ein Suizid liegt aber nur dann vor, wenn der Betroffene den letzten Schritt – also die Einnahme des Mittels – noch selber beherrscht. Juristisch spricht man davon, dass er die sogenannte Tatherrschaft über das Geschehen hat.
Legal ist die Beihilfe zur Selbsttötung – meist unter gesetzlich festgelegten Voraussetzungen – in Deutschland, der Schweiz, Schweden, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden.
In Deutschland ist es Ärzten nach einem Beschluss der Bundesärztekammer 2011 durch die Berufsordnung verboten, Beihilfe zum Selbstmord zu leisten.

Ein sehr bekanntes Beispiel für assistierten Suizid ist der Fall des Spaniers Ramón Sampedro, der sich mit 25 einen Genickbruch zuzog und vom Hals abwärts komplett gelähmt war. Er empfand sein Leben nicht mehr als lebenswert und hat erst den Staat auf aktive Sterbehilfe geklagt. Als ihm dies jedoch verwehrt wurde, griff er auf assistierten Selbstmord zurück. Seine Freundin löste ihm Zyankali in einem Glas Wasser auf, das er dann selbstständig austrank. Seine Geschichte wurde in dem Film „Das Meer in mir“ aufgearbeitet.

Eine weitere, fiktive Geschichte zum assistierten Suizid ist der Bestseller und Kinohit „Ein ganzes halbes Jahr“ („You before me“) von Jojo Moyes. (Achtung Spoiler)
Es handelt vom jungen Will, der aufgrund eines Unfalls vom Hals abwärts gelähmt ist. Er sieht darum in seinem Leben keinen Sinn mehr und will es beenden. Seine Eltern stellen eine junge Frau namens Lou ein, die ihm Gesellschaft leisten und sich ein bisschen um ihn kümmern soll. Sie verlieben sich ineinander, was ihn aber nicht von seinem Vorhaben des assistierten Suizid abbringt.

Ich hatte so viel positives darüber gehört und der Film wurde überall beworben, also hab ich mir damals das Hörbuch geholt. Es ist wirklich wunderschön geschrieben, aber das Ende hat mich nachdenklich gestimmt.

Mir missfällt dieser Ausgang der Story.
Nicht, weil ich mir unbedingt ein kitschiges „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ wünschte.
Nicht, weil ich Wills Verzweiflung, die Angst vor der Zukunft und sein Gefühl der Abhängigkeit nicht verstehen kann.
Sondern wegen seines Egoismus, seines Pessimismus und der allgemeinen Hoffnungslosigkeit.

Und auch wegen des sehr positiven Bildes, das vom assistierten Selbstmord vermittelt wird. Selbstmord ist so ein sensibles Thema. Wenn ich daran denke, dass viele Jugendliche dieses Buch lesen und noch mehr den Film gesehen haben und noch sehen werden (vor allem Mädchen, die sich so emotionale Geschichten auch noch sehr zu Herzen nehmen), frage ich mich, was sie daraus für eine Botschaft mitnehmen?

Ist Leben unter bestimmten Umständen nicht mehr lebenswert?

Und in weiterer Folge: „Wenn ich mein Leben als nicht mehr lebenswert empfinde, kann ich es ja selbst beenden.“?

Klar, die Figur aus dem Buch ist ein sehr extremes Beispiel, aber im Grunde ist doch das die Botschaft der Geschichte.

 

Meine persönliche Meinung

Bereits in meiner Ausbildung zur Krankenschwester bin ich mit dem Thema in Berührung gekommen. Wir hatten spezielle Unterrichtseinheiten zum Thema Palliativpflege, in denen wir auch über Sterbehilfe und assistierten Selbstmord gesprochen haben.

Passive/indirekte Sterbehilfe und Palliativmedizin/-Pflege ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Man sollte das Leiden der Patienten so gut wie möglich lindern. Und ihr Leben nicht auf Biegen und Brechen verlängern, besonders wenn sie dann noch mehr leiden. Das habe ich in meinem Beruf leider auch schon erlebt…

In dem Pflegeheim, in dem ich nach meiner Ausbildung gearbeitet habe, gab es eine Bewohnerin, die wegen eines Schlaganfalls halbseitig gelähmt war. Als ihr Mann, der sie täglich besuchte, ganz plötzlich verstarb, ging es auch mit ihr rapide bergab.
Ihre Kinder konnten sehr schlecht damit umgehen, forderten immer mehr Medikamente und Therapien ein.
Diese Frau tat mir so leid. Sie hatte offensichtlich beschlossen, ihrem Mann zu folgen – aber ihre Kinder wollten einfach nicht loslassen. Ich konnte beide Seiten verstehen. Ihr sprichwörtlicher Todeskampf zog sich für uns als Pflegende unerträglich in die Länge.

Für mich selbst habe ich schon beschlossen, einmal eine Patientenverfügung aufzusetzen. Mein Mann und meine Familie wissen sowieso, wie ich darüber denke.

Nun zu dem heiklen Themen aktive Sterbehilfe und assistierten Selbstmord.

Als Christ lehne ich beides strikt ab. Einerseits natürlich aufgrund des Gebotes „Du sollst nicht töten“. (Dazu habe ich übrigens schon einen neuen Blogpost im Hinterkopf, ihr dürft gespannt sein.)
Und andererseits wegen der Bedenken, die ich anfangs schon beschrieben habe:

Wo zieht man die Grenze?
Wer kann/darf diese Entscheidungen treffen?
Laufen wir nicht Gefahr, Gott zu spielen?

Welches Leben ist denn nun lebenswert?

 

Jedes Leben ist lebenswert!

Und genau DAS sollten wir unseren Kindern beibringen.

Ein lebendiges Beispiel dafür, dass absolut jedes Leben lebenswert ist:

Nick-Vujicic-014Nick Vujcic

Geboren ohne Arme und Beine sah er immer nur alles, was er nicht tun konnte.

Mit 8 Jahren wollte er sich umbringen.

Heute spricht er als Evangelist und Motivator vor tausenden von Menschen.

Ich lasse ihn lieber selber für sich sprechen.
Hier findet ihr eine kurze Zusammenfassung seiner Biografie.
Und hier gibt es ein Video mit deutscher Übersetzung von dem Event in Biel (Schweiz) auf seiner Europatour letztes Jahr.

Ich möchte gar nicht mehr viele Worte verlieren, darum zum Schluss ein Zitat von Hermann Hesse:

Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben.

Aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind.